Zurück auf Anfang: Jetzt gibt es ihn also wieder, den Dipl.-Ing.
02.08.2010 | von Harald Link | Kategorie: Kommunikation / Strategie
Es ist schon erstaunlich, wieviel Energie man in die Abschaffung des Studienabschlusses/akademischen Grads “Diplom-Ingenieur” investiert hat. Das ist noch gar nicht allzu lange her, zehn Jahre vielleicht. Bachelor und Master, so hießen sie, die Heilsbringer des deutschen Hochschulwesens. Weil mit dem Bologna-Prozess die Internationalisierung der Studiengänge und Studienabschlüsse ins Haus stand. So glaubte man. Oder wollte zumindest glauben machen; Ziel dieser Studienreformen, so zeigt sich heute deutlich, war wohl eher die Verkürzung der Studiengänge (durchaus lobenswert!) und damit eine Kostenreduzierung an den Hochschulen, insbesondere den Fachhochschulen, die sich mächtig für den Bachelor ins Zeug gelegt hatten (und dies auch noch immer tun).
Und heute?
Heute muss man wohl konstatieren, dass es mit der ach so gepriesenen Studenten-Freizügigkeit, mit dem einfachen Wechseln der Hochschule, nicht besonders weit her ist. Weil die Abschlüsse eben doch nicht klaglos überall anerkannt werden. Und weil die Studierenden ob des verschulten “Studiums” überhaupt keine Zeit mehr haben, Energie (und Studienzeit) in einen Hochschulwechsel zu investieren. Das mag zwar in vielen Fällen dennoch geschehen, aber eben nicht in dem Umfang, wie es damals propagiert wurde.
Jetzt als: Die Rückkehr zum Diplom-Ingenieur.
Zugegeben, die Ingenieurwissenschaften hatten es früher leichter. Als Abschluss seiner Studien erhielt der Absolvent den akademischen Grad “Diplom-Ingenieur”. Der war – und ist – weltweit bekannt und anerkannt. Kein M.A., das man mühsam hinter den Namen zwängt, und schon gar nicht plagten den Ingenieur Probleme wie etwa Rechtsanwälte, deren bestandene Staatsexamina nicht wirklich auf der Visitenkarte Niederschlag fanden und die deshalb gerne ein (in meinen Augen lächerliches) “RA” zelebrieren – und nicht selten darauf bestehen, dass dieses abgedruckt/publiziert werde, als ob es sich um einen Dr. oder Prof. handle …
Nun ja. Jetzt haben die neun führenden technischen Hochschulen in Deutschland beschlossen, wieder den “Dipl.-Ing.” aufs Schild zu heben (Artikel auf Welt Online). Grundsätzlich habe ich, der ich selbst ein Dipl.-Ing. bin, überhaupt nichts dagegen, im Gegenteil. Der Grad ist bekannt, hat sich bewährt und man weiß, was man darunter verstehen kann (was beim B.Eng. oder M.Eng. nicht unbedingt der Fall ist. Deshalb wäre es schade, ihn aufzugeben.
Was mich allerdings extrem wurmt: Warum haben die Verantwortlichen nicht vor zehn Jahren auf diejenigen gehört, die vor einer Abschaffung des Dipl.-Ing. gewarnt haben? und warum wird der akademische Grad als “Titel” bezeichnet – auch und gerade von Hochschulrektoren un Bildungsministerinnen, die es eigentlich besser wissen müssten?
Ich möchte gar nicht wissen, welche Kosten in den Ministerien, in den Hochschulen und wo auch immer angefallen sind, um dieses mehrjährige Experiment durchzuspielen. Sie werden in die zig Millionen gehen, wenn man die vergeudeten Arbeitszeiten aller Beteiligten berücksichtigt.
Trial – und dann vor allem Error. Das ist bezeichnend für die konzeptlose Bildungspolitik in Deutschland.
Foto: fotolia


















An der TU-Dresden gibt es bereits 16 Diplomstudiengänge wieder, nachdem auch die anderen Universitäten der TU9-Gruppe im Jahr 2010 beschlossen haben, für ihre Abschlüsse wieder den Titel Dipl.-Ing. zu vergeben!
Und in Mecklenburg-Vorpommern wird der Diplom-Ingenieur zum WS 2011 wieder eingeführt, nach Beschluss der Landesregierung im Dez. 2010.
Dann erhalten dort nicht nur Masterabsolventen den begehrten Titel Dipl.-Ing., sondern auch Bachelorstudenten, die im Studium vor der Abschlussarbeit mind. 240 ECTS Punkte erreicht haben.
Und an der Universität des Saarlands plant die Abteilung Wirtschaftswissenschaften die Wiedereinführung des Diploms.
Ich bin selbst Dipl.-Ing., insofern habe ich ohnehin nie verstanden, warum man diesen Titel abschaffen möchte. Denn “international” ist an den neuen Studienabschlüssen Bachelor und Master ja ohnehin sehr wenig; wenn überhaupt, werden sie nur in einigen europäischen Ländern anerkannt. Und dafür einen etablierten Abschluss/Grad abschaffen? Never ever.