Allheilmittel “Amerikanisierung”?
05.05.2009 | von Harald Link | Kategorie: PolitikVersuchen Sie heute einmal, mit einem Politiker oder einem Wahlkämpfer über die kommenden Europa- oder Bundestagswahlen und deren Strategie hierzu zu sprechen, ohne dass innerhalb von zehn Minuten das Wort “Obama” fällt. Klappt nicht. Immer wieder sind Parteimanager aus aller Herren Länder im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten unterwegs, um dort die Präsidentschaftswahlkämpfe zu verfolgen. Schauen, wie die Amerikaner “das” machen, ist beliebt und wichtig. Man möchte schließlich keinen neuen “Trend” verschlafen. Und Wahlkampftrends entstehen eben meist in den USA. Wie diese dann hierzulande umgesetzt werden … nun ja, die Bandbreite reicht von “gelungen” über “ambitioniert” bis “putzig”.
Ist die Amerikanisierung unserer Wahlkämpfe wirklich das Allheilmittel, das dazu beiträgt, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, der Politik- und Politiker-Verdrossenheit der Bevölkerung entgegen zu wirken und politische und gesellschaftliche Inhalte wirkunsgvoll zu kommunizieren? Sicherlich nicht.
Was wir aus den US-Wahlkämpfen jedoch lernen können, ist die enorme Professionalität, mit der dort Wahlkampf betrieben wird. Da können sich die Parteien, insbesondere aber auch die einzelnen Kandidaten in Deutschland ein bis zwei Scheibchen ‘von abschneiden. Ein Trend, der auch bei uns zunimmt, aber nie das selbe Ausmaß annehmen wird, ist die starke Personalisierung und das Gegenüber zweier Spitzenkandidaten. Das sorgt für Spannung beim Wähler, weil Politik dadurch “Gesicht” zeigen muss. Auch die Unverkrampftheit, mit der neue Technologien eingesetzt, neue Instrumente getestet und neue Wege beschritten werden, ist immer einen Blick über den großen Teich wert – Stichwort: Social Media hilft, Wähler und Unterstützer zu mobilisieren.
Aber danach wird es auch schon schwieriger, die US-Amerikanischen Verhältnisse auf uns übertragen zu wollen. Starke Kandidaten und schwache Parteien, ein Zwei-Parteien-System, ein Hopp-oder-Top-Wahlsystem – in den Vereinigten Staaten sind die Voraussetzungen für ein in den Medien inszeniertes (und ausgetragenes) Duell stärker gegeben als in unserem Viel-Parteien-System.
Trotzdem: Was in Amerika seit vielen Jahren bewährt ist, und zwar nicht nur beim Wahlkampf von Präsidentschafrtskandidaten, sondern auch bei jedem Abgeordneten und bei jeder anderen Wahl auf kommunaler, regionaler oder nationaler Ebene, sollte auch bei uns mehr Beachtung finden:
- Professionalität (auf allen Gebieten!)
- externe Unterstützung durch Profis (Strategie, Meinungsforschung, Marketing, Kommunikation)
- Kampagnenplanung mit Hilfe umfangreicher Daten (Wahlergebnisse, Statistiken, …)
- konsequenter Markenaufbau und stringente Markenführung für Partei und Person
- Nutzung aller Kanäle, um erfolgreich zu kommunizieren
- Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien und Angeboten (z. B. Social Media, Microblogging etc.)
Sie finden, das alles wurde nicht in den Vereinigten Staaten erfunden? Das mag schon sein. Aber wenn Sie die dortigen Wahlkämpfe analysieren, werden Sie feststellen, dass diese Themen dort konsequent – und professionell! – angegangen und umgesetzt werden. Unsere Bundesparteien tun dies ebenfalls, auf Landesebene wird es schon schwieriger, und ganz mager, das muss man leider oft feststellen, sieht es auf regionaler und kommunaler Ebene oder beim persönlichen Organisations- und Professionalitätsgrad einzelner Kandidaten aus.
Es geht schließlich darum, eine Wahl zu gewinnen. Diese Chance hat man nur einmal alle vier bis fünf Jahre. Deshalb sollte man sie nicht mit unprofessionellem Verhalten und vermeidbaren Fehlern vergeuden.

